1984 - JOHN WAITE SOLO - NO BRAKES

No Brakes 1984

John Waite ist Vollblutmusiker, was ihn wiederholt daran hindert, einfach alles hinzuschmeißen. Andererseits aber genießt er die vorläufige Zurückgezogenheit, die ihm sein neues Management und EMI gewähren. „EMI behandelte mich mit viel Respekt, was meinem Selbstvertrauen ungeheuer gut tat“, erinnert er sich.

In New York gescheitert, streckt er also in Los Angeles seine Fühler aus. Die Strapazen und der Ärger der letzten Monate werden schließlich belohnt. „Missing You“ schlägt ein wie eine Bombe.
Der melancholische Love-Song katapultiert John Waite über Nacht an die Spitze sämtlicher Hitparaden und wird zu einem der größten Hits der 80er Jahre. Am 22. September 1984 schießt „Missing you“ auf Platz Eins der USA Single Charts. „Tears“ und „Restless Heart“ folgen nach, doch: „Es war offensichtlich, dass wir den überragenden Erfolg von ‚Missing You’ nicht toppen konnten. Tatsächlich riefen wir die Radio Stationen an und baten sie, es nicht zu spielen, doch das Ding war durch und wir waren machtlos. Hätten sie zuerst ‚Tears’ oder ‚Restless Heart’ ausgekoppelt, wäre es eine komplett andere Geschichte geworden. Aber - Hey! Worüber beklage ich mich? Es war Nummer Eins!“

Bemerkenswert ist die Entstehungsgeschichte des herzerweichenden Chart-Stürmers mit der zwiespältigen Aussage. Es entstand erst kurz vor Beendigung des Albums „No Brakes“. „Es brauchte lediglich zehn Minuten, um ‚Missing You’ zu schreiben“, bescheinigt John. „Ich saß mit Chas Sandford zusammen in seinem Studio. Er hatte ein paar Instrumentals auf dem Band und er nahm die Kopfhörer und ich das Mikrophon und ich begann mit
Every time I think of you. I always catch my breath…’ “
Somit kommt der alte BABYS-Song „Every Time I Think of You“ ein zweites Mal zu Ehren. „Ich nahm die Zeile, um einen Anfang zu finden“, erklärt John. „Ich hatte nicht vor, darauf aufzubauen.“

„99 % von dem, was du hörst, entstand in diesem Moment im Studio hinter dem Mikrophon“, sagt John. „Es war einer dieser magischen Momente. Als ich den Song beendet hatte und vom Mikro zurücktrat, dachte ich: ‚Gott... genauso fühle ich mich.’ Es schrieb sich von selbst. Das tat es wirklich. Es war nicht geplant und es geschah in diesem Moment. Es sprudelte einfach so heraus. Ich habe nicht ein Wort geändert.“
„Missing You“ drückt Gefühle aus, die universell sind, so John. „Du findest diese Gefühle in jeder Gesellschaftsschicht. Die Leute können sich mit dem Text identifizieren“, analysiert er. „Missing You ist andersherum gedacht.
Es sagt I ain´t missing you at all. (Ich vermisse dich überhaupt nicht.) Aber es meint genau das Gegenteil. Jeder kennt das. Man macht sich etwas vor. Man will es nicht wahrhaben.“ Die Aufrichtigkeit, glaubt John, sei wahrscheinlich ein weiterer Grund für den durchschlagenden Erfolg dieses Glanzstücks. „Ich vermute, es war mein bester Schuss, weil es absolut ehrlich ist. Eigentlich ist es eine traurige Angelegenheit, so ehrlich zu sein. Aber ich denke, deshalb ist es so gut. Weil ich weiß, dass es ehrlich ist. Ein Freund von mir sagte einmal: ‚Wenn du mit dem Herzen sprichst, hören die Menschen mit dem Herzen zu.’ “
Wow. Ich wüsste zu gerne, wer dieser Freund war…

 

„Saturday Night“ ist als Hommage an den Londoner Marquee Club (links) gedacht. „Erinnerungen“, sinniert John. „Der Marquee Club, Soho... Er gehört zu meinen frühen Einflüssen, als ich noch in verschiedenen Bands war. David Bowie sagte einmal, ihn überkomme ein unheimliches Gefühl, wenn er die Straße hinuntergeht, wo der Marquee Club ist. Mir geht es genauso, wenn ich dort bin. Es ist ein eigenartiges Gefühl. Wie ein Echo. Wie ein Wink aus der Vergangenheit... Als würde sie mir zuzwinkern. Hallo Vergangenheit.

 

Courtesy of www.musicmirror.de

„Restless Heart“ schlummert viele Jahre geduldig vor sich hin, bevor John es aus der Schublade hervorholt. „Als ich es damals bei den BABYS unterbringen wollte, lachten sie mich aus“, grinst er. „Es ist ein Country-Song. Er passte nicht zu den BABYS. Es war der falsche Song zur falschen Zeit. Auf der Suche nach Musikern für ‚No Brakes’ traf ich Gary Myrick. Gary ist aus Texas. Diesmal passte es genau. Wie ein Wink von oben.“ Jedoch erklärten die BABYS sich bereit, den Song bei dem einen oder anderen Konzert mit einzubeziehen.

Das Album „No Brakes“ erringt weltweiten Erfolg und wird millionenfach verkauft. (Platz 10 in den Billboard Album Charts.) In den USA schafft es sogar die Auszeichnung in Platin. Zusammen mit „Missing You“ erscheinen „Tears“, „Restless Heart“ und „Euroshima“ als 12“ Maxi Single Special Version. Diese Maxi „For Japan Only“ ist heute sehr rar und nur noch mit viel Glück zu bekommen.

Nun gehört John Waite glücklicherweise nicht zu jenen, die im Erfolgsrausch den Kopf verlieren:
„Einen Nummer-Eins-Hit zu haben ist interessant, aber es ist nicht das Maß aller Dinge“, weiß er mit bemerkenswerter Selbstsicherheit zu berichten. „Ich springe nicht mit einer Flasche Champagner in der Hand aus dem Fenster und tue all die verrückten Dinge, die ich vielleicht vor ein paar Jahren noch getan hätte. Es ist nicht der Starruhm, der mich interessiert. Ich möchte kein Superstar sein. Ich bin kein Rockstar, ich bin Rocksänger und nicht besser als jeder andere. Einfach nur ein Sänger.“

„Natürlich ist es toll, soviel Aufmerksamkeit zu bekommen. Es ist schön, wenn man meine Ideen mag. Das Problem dabei ist nur, dass ich auf der Bühne stehe und die Leute zu mir aufsehen. Aber ich fahre nicht mit einem Sportwagen durch die Gegend. Der einzige Unterschied zwischen mir und dem Publikum ist das Mikrophon und das Beste am Erfolg ist, live spielen zu können. Man sollte sich immer an seinem eigenen Standard messen. Das Wichtigste dabei ist, dass du mit dem, was du tust, zufrieden bist.“

„Erfolg ist wirklich eine wunderbare Sache, aber…“, resümiert der bescheidene Brite nüchtern. „… ich denke, die guten Dinge im Leben sind die einfachen. Die Ehrlichen. Um genau zu sein - Wenn nachts die Lichter ausgehen und du mit dir alleine bist, nun… das ist das, was du bist. Nicht mehr und nicht weniger. Man hält mich für melancholisch, weil ich traurige Lieder singe. Ich bin aber wirklich ein glücklicher Mensch!“

Photo Ross Halfin

Der weitere Verlauf seiner Karriere, den er selbst in der Hand hat, beweist, dass John Waite sich nicht in Phrasen ergießt und die Entwicklung zum ernst zu nehmenden Musiker, dem der Sinn nicht danach steht, mit dem Strom zu schwimmen und in der Masse des Mainstream unterzugehen, hat sich längst  herauskristallisiert. John Waite distanziert sich von Synonymen, die ihn als Superstar, oder gar Teen-Idol betiteln.

Doch vorerst genießt er - bedächtig - die Sonnenseiten des Business, weiß aber gleichzeitig auch um die unvermeidlichen Schattenseiten und die Bitterkeit über gewisse Heimsuchungen ist deutlich herauszuhören. „… und plötzlich sind sie alle wieder da“, macht sich der selbstbewusste Rotschopf denn auch Luft.„Du glaubst nicht, wie viele Freunde du auf einmal hast. Sie klopfen dir auf die Schulter und sagen: ‚Junge, wir wussten immer, du wirst es schaffen.’ Ein paar davon habe ich gefragt: Und? Wo seid ihr damals gewesen?“ Erfahrungswerte, mit denen er in seiner inzwischen zehnjährigen Karriere umzugehen gelernt hat und die er mit vielen anderen Kollegen der Zunft teilt.

Eine weitere Geißel des Ruhms ist die unbedingte Macht, die die Musikindustrie auf ihre Schäfchen auszuüben versucht und die damit verbundenen Verbindlichkeiten, mit denen sich viele Künstler widerwillig, aber dennoch einverstanden erklären. John Waite aber gehört zu jenen, die nicht bereit sind, sich bedingungslos unterzuordnen. So bugsiert sein Eigensinn ihn direkt aus Saturday Night Live, einer der erfolgreichsten Shows Amerika´s, zu der er für zwei Songs eingeladen wird. Die Produzenten wollen - natürlich - „Missing You“ hören, doch John ist der Meinung, „Missing You“ habe genug Beachtung erfahren und er möchte einen anderen Titel singen. Die Bosse aber bestehen auf ihre Forderung:
„Nein, wir wollen ‚Missing You’ hören. Bring es zuerst.“ John ist entschlossen, sein eigenes Ding zu machen und zum Leidwesen der Direktion eröffnet er seinen Auftritt mit dem vor Funken sprühenden „Saturday Night“, dem Opener seines „No Brakes“- Albums. Die Produzenten sind sauer, der geplante zweite Titel wird ersatzlos gestrichen und John fliegt aus der Show. Er kann damit leben...
Den unbeabsichtigten Link zum Namen der Show, welches sich eigentlich als gelungener Nebeneffekt erwiesen hätte, ignoriert die Direktion von „Saturday Night Live“. Es scheint, als sei ihnen das Ausspielen ihrer Macht wichtiger und da sie von selbst nicht auf diese Idee gekommen sind, lehnen sie von vornherein jede Diskussion ab. (Das ist natürlich nur rein hypothetisch. Anmerkung Petra)

Nach jahrelanger Ignoranz seiner Heimat ihm gegenüber kann John Waite mit „Missing You“ jetzt auch endlich bei den englischen „Top of the Pops“ den wohlverdienten Treffer landen. „Das war richtig toll“, freut sich der schlaksige Brite. „Es war ein unheimlich gutes Gefühl, in meiner Heimat anerkannt zu sein.“ Er hat lange genug dafür gekämpft.

Zur Freude seiner Fans erscheint John in der amerikanischen Serie Paper Dolls (Karussell der Puppen), die u.A. mit Nicolette Sheridan (Photo), Morgan Fairchild, Brenda Vaccaro und Mimi Rogers besetzt ist. Er spielt sich selbst, vielmehr...

„...eine Fernseh-Version von mir.“
In der Serie geht es um Mode, Models und Intrigen. Letzteres boomt unglaublich in den 80er Jahren und vier Folgen lang (Folge 5, 6, 8 und 9) mimt John Waite den Lover von einer der Hauptdarstellerinnen, Nicolette Sheridan, ihres Zeichens unmündiges Modepüppchen, deren Mutter/Managerin (Brenda Vaccaro) sich als Sklaventreiberin entpuppt und diese Beziehung mit arglistigen Methoden zu unterbinden weiß. (John und Brenda geben ein wahrhaft interessantes Bild ab, wenn man sie sich als potentielles Schwiegermutter/-Sohn - Gespann vorstellt...)

„Ich war an einem Punkt angelangt, wo Musik allein mich nicht mehr ausfüllte“, bekennt John. „Es war ein wildes Leben und es machte unheimlich Spaß, von einem Set zum anderen fliegen. Ich stand unter Strom, war ständig auf dem Sprung und lebte aus dem Koffer. Ich fühlte mich phantastisch. Die Dreharbeiten waren unglaublich interessant. Ich wollte schon immer wissen, was passiert, wenn die Klappe fällt und einer‚Action’ ruft.“

Und weiter verrät er: „Vor ein paar Jahren machte mir Harvey Keitel ein Angebot für einen seriösen Film. ‚Ignition’ war gerade draußen und ich war ziemlich kaputt. Er fragte mich, ob ich nicht das Drehbuch lesen wolle und ich sagte, eigentlich habe ich nie daran gedacht, einen Film zu machen. Nicht, dass ich kein Selbstvertrauen gehabt hätte, aber ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht damit umgehen. Ich meine, ich habe schon öfter über die Schauspielerei nachgedacht, es aber immer wieder verworfen. Ich war noch nicht bereit dazu. Ich denke, es ist sehr, sehr intensiv und du musst wirklich mit dir im Reinen sein. Mehr, als wie wenn du auf der Bühne stehst. Es ist irgendwie dasselbe, aber beim Schauspielern hörst du auf, du selbst zu sein. Wenn du nicht hundert Prozent geben kannst, dann solltest du es lassen. Es ist ein zu ernsthaftes Fach. Als ich dann später die Chance für Paper Dolls bekam, dachte ich: Wieso eigentlich nicht? Das wird bestimmt lustig. Aber es ist eine völlig andere Welt. Ich würde gerne wieder etwas in dieser Richtung tun. Es wäre eine neue Herausforderung, die Disziplin und Einsatz erfordert.“

Bei dem von John erwähnten Film handelt es sich um Cop Killer, der einige Verwirrung stiftet, da er unter drei verschieden Titeln erscheint: „Cop Killer“ für Europa, Order of Death für Kanada und Corrupt für die USA.

Die Rolle des psychopathisch angehauchten Polizistenmörders bekommt schließlich der nicht minder charismatische, karottenköpfige John Lydon, auch bekannt unter dem Pseudonym Johnnie Rotten, der als Frontmann der legendären Sex Pistols in den 70ern und mit PIL (Public Image Limited) in den 80ern die Nation schockt.

„Ignition“ wird mit komplett neuem Cover Layout wiederveröffentlicht. Das Energiegeladene „Change“ wird für den Soundtrack „Vision Quest“ („Crazy For You“ für Europa) übernommen. Ein typischer Film der 80er, in dem es um Ehrgeiz und Liebesleben eines jungen Leistungssportlers geht. Matthew Modine mimt diesen Leistungssportler,
Linda Fiorentino seine Angebetete.
„Change“ wird - wenn auch verspätet - zum Lieblingskind von MTV.

John tourt inzwischen ausgiebig mit seiner No Brakes Band als Opening Act für Scandal.Die No Brakes Band schließt sich aus Drummer Alan Childs, Keyboarder Tommy Mandel (u.a. Dire Straits), Bowie-Bassist Carmine Rojas und dem exzentrischen Lead-Gitarristen Earl Slick (Ex-Bowie und Ian Hunter) zusammen. (Photo von rechts nach links) Ein Live-Video wird veröffentlicht, das die sprühende Energie und das exzellente Potential der gesamten Band eindrucksvoll einfängt. Es ist bislang leider das einzige offizielle Live-Video von John.

 

Photo Ross Halfin

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