1997 - WIEDER SOLO - WHEN YOU WERE MINE

When You Were Mine 1997

John kommt bei Mercury unter und in der ersten Jahreshälfte nimmt er in New York sein nächstes Solo Album auf, auf dem er mit denselben Musikern zusammenarbeitet, wie auf „Temple Bar“. Wieder produziert er selbst.
Am 23. September ´97 erscheint „When You Were Mine“ - wie sein Vorgänger - leider nur in den USA. Eigentlich sollte es „Suicide Life“ heißen, wie der gleichnamige Track auf dem Album, aber... „Mein Manager hat es mir ausgeredet. Zu dunkel, zu pessimistisch.“ „When You Were Mine“ wird eine weitere Gratwanderung, bei dem John seinen hohen Standard als Songwriter beweist. Hat der Hörer sich gerade an „Temple Bar“ gewöhnt, weist dieses Album kaum mehr Gemeinsamkeiten zu seinen früheren Aufnahmen auf. Es dürfte die Fans beim erstmaligen Hören ziemlich überrascht haben...

Die Inspiration zu „When You Were Mine“ kommt John während einer ausgedehnten Jeep-Tour durch die USA. Geschrieben und aufgenommen dagegen war es innerhalb von vier Wochen. „Nachdem ich ‚Temple Bar’ verloren hatte, sprang ich in den Jeep und fuhr quer durch Amerika. In meinem Kopf habe ich stets Ideen für neue Songs und ich hatte die Musik von Bob Dylan und Hank Williams. Irgendwann kam ich schließlich nach New Orleans. Auf dem Weg dorthin formte sich langsam die Idee zu einer Art Country-Album.“

Und Bob Dylan ging ihm wohl nicht mehr aus dem Kopf, denn das Album enthält neben den zehn übrigen Tracks wieder eine Cover-Version: „Just Like a Woman“, ein Dylan-Song, was John als große Herausforderung beschreibt. „Er ist brillant“, schwärmt John. „‚Blonde on Blonde’ ist eines meiner Lieblings-Alben und als wir anfingen, an
‚When You Were Mine’ zu arbeiten, wollte ich genau diesen Sound. Shane (Fontayne) und ich saßen eines Morgens in einem Coffee Shop und ich sah mir das Platten-Cover an. Wir hatten schon ein paar Dylan-Songs ausprobiert, aber irgendwie war nichts richtig und Shane lehnte sich herüber und meinte: ‚Warum versuchen wir nicht das?’ Und er tippte auf ‚Just Like a Woman’. Es war seine Idee und ich bin froh, dass mir jemand die Entscheidung abgenommen hat. Es ist wundervoll, einen Song herzunehmen, der nicht von dir ist, um zu sehen, was du damit machen kannst.“

Wobei die Überleitung zu Vince Gill´s (Photo unten) „Whenever You Come Around“ nicht schwer fällt. Es ist schuld an der Entstehung von „Imaginary Girl“ und trägt erheblich zur Schöpfung zweier weiterer atemberaubender Musikstücke bei. „Whenever You Come Around“ - Als John es zum ersten Mal hört, steht für ihn fest, dass er mit Pete Wasner, dem Co-Autor dieses wunderbaren Country-Songs zusammenarbeiten möchte. John arrangiert ein Treffen und wenig später entstehen in einem Zeitraum von nur dreieinhalb Stunden „Imaginary Girl“ und ein weiteres Glanzstück an Vollkommenheit: „Masterpiece of Loneliness“. Beide sind für das Album „When You Were Mine“ eingeplant, doch nur eines davon macht das Rennen: „Imaginary Girl“ „Es war einer jener unerklärlichen Momente, wo es einfach passte“, beschreibt John die Arbeit mit Pete Wasner. „Es funktioniert nicht mit jedem und es funktioniert nicht immer. Aber wenn es funktioniert, ist es magisch.“ Auch dem sehnsuchtsvollen „Whenever You Come Around“ wird John seinen eigenen Stempel aufdrücken und er singt es mit einer solchen Hingabe, dass der Eindruck entsteht, er verarbeite eigene Erfahrungen. Zusammen mit „Masterpiece of Loneliness“ wird es aber erst vier Jahre später erscheinen.

Photo Courtesy of  Evelyn Whiteley

„Suicide Life“ erzählt eine traurigere Geschichte. Die Idee dazu kommt John durch ein Erlebnis, das bereits 1977 seinen Anfang genommen hat. „Da gibt es einen Typ in L.A. Ich habe ihn zum ersten Mal gesehen, als ich mit den BABYS hier ankam“, erinnert er sich. „Er mochte etwa 30 sein, vielleicht auch jünger und er hatte einen langen Bart und struppige Haare. Er lebte auf der Straße, hatte keine Schuhe und trug alte, zerschlissene Klamotten und es regnete in Strömen. Er war nicht verrückt, vielleicht schizophren oder sowas. Er lebte in seiner eigenen Welt. Wann immer ich nach L.A. zurückkam im Laufe der letzten zwanzig Jahre - er war da. Wirklich! Seine Geschichte muss unglaublich sein.“

„...Und du beginnst, dich zu fragen, wo diese Menschen leben, wie sie überleben und was passiert ist, dass sie so abstürzen konnten. Vieles davon hat mit Drogen zu tun und vieles wird einfach nur versaut. ‚Suicide Life’ handelt von Menschen, die auf diesen Trip gingen und nie wieder zurückkamen.“

Der Titelsong „When You Were Mine“ ruft alte Erinnerungen wach, beschreibt Johns Leben in England. „Tatsächlich ist es ein Blick über die Schulter auf meine Heimatstadt in England“, sagt er. „Da gibt es einen besonderen Ort, der aussieht wie… der friedlichste Ort von England. Und es erinnert mich jedes Mal an die Zeit, als ich siebzehn und verliebt war.“

„Ich wollte einen klaren Sound“, erklärt John, warum das Album „When You Were Mine“ so klingt, wie es klingt. „Keine Effekte. Alle Vocals kommen sehr trocken und sehr echt rüber. Es interessiert mich nicht, wie ich nach der Auffassung von irgendjemand klingen sollte. Ich wollte die Mängel in meiner Stimme genau da haben, wo sie sind. Es ist ein Teil von mir. Es gehört zum Ausdruck eines Sängers. Singen bedeutet, glaubwürdig zu sein. Auf diesem Album wollte ich die ungeschminkte Wahrheit.“ Über die ungewohnten Country - Einflüsse sagt er: „Ich versuchte, in einen anderen Bereich zu gehen, weg von rockigen Elementen, wie feurigen Gitarrensoli und diesem Hintergrund. Ich wollte die Aufmerksamkeit auf die Songs selbst lenken, sie für sich selbst sprechen lassen, ohne unnötig abzulenken. Ich habe beinahe mein ganzes Leben lang Rock-Musik und Balladen gemacht. Wenn so etwas funktioniert, tendieren viele Bands dahin, sich zu wiederholen und hoffen, erfolgreich zu bleiben. Ich denke, ich schulde dem Publikum etwas Anderes.“ Mr. Waite bringt es auf einen Nenner: „ ‚When You Were Mine’ erzählt von Rückblenden, wie auch die Charaktere in ‚Suicide Life’ oder ‚Bluebird Cafe’. Oder eben ‚When You Were Mine.’ Es ist ein amerikanisches Album aus der Sicht eines Engländers.“

Die Album Release Party findet am 30. September 1997 an einem recht ungewöhnlichen Ort statt: In einer winzig kleinen Bar in einer New Yorker U-Bahnstation, der Siberia Bar. Vielmehr steht die Band auf den Stufen, die zur
U-Bahn führen und John singt, während die Passanten über die Musik-Anlage steigen und an der Band vorbei - wohin auch immer - gehen, um ihre Züge zu erwischen.

Eine kurze Promotion Tour durch die USA folgt in der zweiten Hälfte ´97 und John macht zusammen mit
Shane Fontayne ein paar zwanglose Akustik Gigs. Der Titelsong des Albums ist als Single-Veröffentlichung vorgesehen, doch Mercury veröffentlicht es nicht. Hingegen erscheint „Imaginary Girl“ als Promo im Februar ´98.

Im gleichen Monat kehrt John Waite New York den Rücken. Beinahe achtzehn Jahre lang ist es seine Wahlheimatstadt gewesen. Jetzt zieht John nach Santa Monica um. Er liebt Los Angeles nicht wirklich, doch ist es einfacher, von dort aus zu arbeiten. „Ich passe absolut nicht in diese Stadt“, gibt er zu. „Ich liebe die Jahreszeiten. Den Wind, die Kälte und auch den Regen. Ich würde nicht zögern, zurück nach England zu gehen, wenn sich meine Musik dort besser verkaufen würde. Aber wenigstens liegt Los Angeles am Wasser, das ist okay.“

Santa Monica BeachSanta Monica BeachSanta Monica

Doch, wie so oft, wenn die Prognosen für John gut ausfallen, wendet sich das Blatt gegen ihn und es mutet schon beinahe unheimlich an - „When You Were Mine“ stürzt ab. Wieder versäumt man es, dieses fabelhafte Album voranzutreiben. Es gibt kein Video, keine Single-Veröffentlichung und viele Fans in Europa wissen nicht einmal, dass John Waite noch existiert. Die, die ihm treu geblieben sind und dank Internet die Möglichkeit haben, den Verlauf seiner Karriere mitzuverfolgen, sind - wie auch schon bei „Temple Bar“ - gezwungen, die CD auf Import Basis kaufen.
„Wir hatten glänzende Kritiken“, sagt John. „Das Interesse der Radio-Stationen war da und eigentlich stand dem nichts im Wege. Aber du kannst eine Company nicht motivieren, die mehr daran interessiert ist, andere Künstler zu fördern. Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas miterlebe. Du kannst nichts dagegen tun. Das ist Business.“
Und so fällt ein weiteres Glanzstück durch die Inkompetenz eines Plattenkonzerns durch und der anfängliche Enthusiasmus schlägt - wieder einmal - in Enttäuschung um: „Ich erwartete Leute, die zu dem stehen, was sie sagen“, beschreibt John seine Gefühle. Doch was nicht tötet, härtet ab und so überwindet Mr. Waite auch dieses Malheur. Später sieht er es sogar eher gelassen: „Niemand hat mich ernst genommen, ein Country-Album zu machen. Es war weit weg von dem, was man von mir erwartet hat und doch war ich es zu hundert Prozent. Ich denke sogar, dass es meine beste Arbeit war, vom Gesanglichen her. Es ist eine Schande, eine solche Platte zu verlieren. Und es war eine verdammt gute Platte. Aber verglichen mit den Tragödien, die überall auf der Welt passieren, ist es lächerlich.“

Zwischen den letzten beiden Alben besteht eine gewisse Verbindung und John zieht Bilanz: „‚Temple Bar’ beschreibt eine Art Neuanfang; den Weg, älter zu werden und zu versuchen, mit den Geistern der Vergangenheit zu leben und all den verschiedenen Entwicklungsstufen, die ich durchgemacht habe - in New York City zu leben, meine Scheidung und den Versuch, mein Leben wieder in den Griff zu kriegen. ‚When You Were Mine’ beschreibt eher die Ankunft von all dem und die Fortsetzung meines Lebens. Es hat wohl auch autobiographische Züge, aber ich habe versucht, ein wenig auf Distanz vor mir selbst zu gehen und andere Menschen zu beschreiben, denn mittlerweile habe ich mich gefunden. ‚Temple Bar’ dagegen ist sehr ich selbst.

Mit diesen beiden Alben habe ich am meisten von mir preisgegeben. Wenn du fähig bist, es auf eine Art zu sagen, die nicht so sehr enthüllt, dass es peinlich wird, dann ist das Kunst. Ich denke, mit diesen beiden Platten habe ich wirklich den Kern getroffen.“

Ganz unbemerkt und im Stillen gibt es auch wieder Meldungen aus der Film-Branche.
Up Michigan, ein Independent-Streifen, in dem es um ein Highschool -Treffen geht und wo John wieder eine kleine Nebenrolle als… John Waite bestreitet, erscheint 1997. Leider wird der Film nur bei den New Yorker Filmfestspielen gezeigt und erhält keine Freigabe für Kino oder Video.

Im Mai 1998 wechselt John in beiderseitigem Einvernehmen mit Mercury Records das Management

In der zweiten Hälfte desselben Jahres durchquert er zwecks einer weiteren Tournee recht erfolgreich die USA.

„Falling Backwards Volume 2“ soll später im selben Jahr bei EMI veröffentlicht werden.
Leider ist es bis heute noch nicht dazu gekommen.

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