Es ist bedauerlich, dass ein grandioser Sänger wie John Waite in Europa und letztendlich seiner eigenen Heimat England nie die Anerkennung gefunden hat, die er verdient hätte. Weder mit den BABYS, noch mit BAD ENGLISH und auch nicht mit seinen Solo-Projekten konnte er sich hier je wirklich durchsetzen. Den Durchbruch schaffte er nur in Amerika. Wenigstens gibt es ein paar - viel zu wenige - Achtungserfolge auf unserer Seite des Globus, die er zusammen mit den BABYS und BAD ENGLISH erzielen konnte, und nicht zuletzt sein Welthit „Missing You“ machte seinen Namen auch hier in Deutschland zu einem Begriff. Obwohl ein Riesenhit, denke ich, dass es bei weitem nicht sein bestes Werk war, denn seine Vielseitigkeit ist viel zu komplex, um ihn auf nur eine Richtung festzulegen.
John Waite zählt zu jenen Künstlern, die sich ständig weiterentwickeln und so kann man bei ihm immer mit einer Überraschung rechnen. Du weißt nie, was dich erwartet...

Mehr als unglücklich ist auch sein anhaltendes Pech mit den Plattenfirmen, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass es John Waite nicht um Geld geht und er sich nicht (mehr) bevormunden lässt. Der künstlerische Aspekt stand für ihn immer im Vordergrund, den er zielstrebig verfolgte, wenn er dadurch auch oft als schwierig galt. John Waite wollte sich nie zu etwas vermarkten lassen, was er nicht ist, was auch seinen Weggang von BAD ENGLISH eindrucksvoll begründet. In diesem Geschäft braucht es eine gehörige Portion Mut, nicht nur so zu denken, sondern auch so zu handeln. John Waite wusste immer genau, was er wollte und er verlor nie den Glauben in seine Fähigkeiten.

„Es hatte auch was Gutes, nicht erfolgreich zu sein“, versichert er denn auch glaubhaft. „Es erlaubte mir, meinen Weg beizubehalten und zu tun, was ich tun wollte, ohne dass sich irgendjemand eingemischt hat. Es ist wirklich interessant, wie dich die Leute behandeln, wenn du plötzlich oben bist. Du wirst so etwas wie eine Ikone. Etwas, das du gar nicht sein willst. An diesem Punkt war ich froh, einfach zu verschwinden und in kleinen Clubs zu spielen. Viele Bands, die vom großen Erfolg überrascht werden, lassen sich in die Irre führen und plötzlich merken sie, dass sie von dem Weg abgekommen sind, den sie ursprünglich eingeschlagen hatten. Schließlich müssen sie Platten verkaufen! Und ihre Musik hat plötzlich nichts mehr mit ihnen selbst zu tun. Ich habe das oft genug gesehen.“ Bereits vor vielen Jahren bemerkte er: „Wenn du die Madison Avenue entlang gehst, siehst du eine Menge Leute, die eine Menge Geld haben, aber keinen Sinn für das, was wirklich zählt. Sie tun alles dafür, um oben zu bleiben. Berühmt zu sein, bedeutet für sie mehr als ihre Arbeit. Es ist unglaublich für mich, dass diese Leute so leben können, aber sie tun es. Ich lehne es ab, das zu tun und das ist auch der Grund, warum ich über zehn Jahre lang nicht in aller Munde war. Und ich werde es wahrscheinlich weiterhin tun, bis sie mich möglicherweise aus dem Business treten, oder aber glauben, dass ich es wert bin. Dann bleibe ich dabei. Aber nicht um diesen Preis. Ich möchte diese Abhängigkeit nicht mehr. Ich schulde niemandem etwas und das ist das Schöne dabei. Für mich persönlich wäre es ein gewaltiger Schritt zurück, wenn ich dieses Spiel mitmachen würde.“

Die meist enttäuschende Promotion seiner Alben war oft schuld an seinen Bruchlandungen und hätte besser durchdacht sein können. Andererseits - weder John selbst, noch die BABYS und auch BAD ENGLISH haben nie auf dieser Seite des Kontinents live gespielt. Der Londoner Marquee Club 1986 und Zoetermeer / Holland 2001 waren einige der wenigen Chancen, ihn in Europa live zu erleben. An John hat´s nicht gelegen. „Ich weiß, ich rede immer wieder davon, zu Hause zu spielen“, gab er bereits 1985 reumütig zu. „Vielleicht sollte ich in Zukunft einfach den Mund halten. Ich bin immer viel zu optimistisch in dieser Sache.“

Grund genug, ein allzu leidiges Thema aufzugreifen, das zu den unabwendbaren Zeichen der Zeit zu gehören scheint und das sich durch nahezu alle Lebensbereiche zieht; selbst der ganz normale, kleine Bürger bleibt davon nicht verschont: „Heutzutage geht es nur noch um Geld“, bemängelt John. „Du brauchst Mut, um dein Ding durchzuziehen. Ich habe es nie für Geld getan. Es geht mir nicht um Geld. Ich verstehe die Leute nicht, die glauben, sie könnten es sich erlauben, unhöflich zum Kellner zu sein, nur weil sie ein paar Millionen Dollar haben. Was soll das? Geld macht niemanden zu einem besseren Menschen. Sie sind nicht besser wie du und ich, und um ehrlich zu sein - ich war oben, ich war aber auch unten, und wenn mir das Glück davonrannte und das Geld ausging, bin ich auch damit klargekommen, weil ich wusste, worum es ging. Ich komme aus der Arbeiterklasse. Ich bin zufrieden, wenn ich die Miete bezahlen kann. Es war nicht so, dass ich eine Million Dollar gehabt und verloren hätte. Ich hatte nie eine Million Dollar! Gut für mich, wirklich! Es hielt meinen Verstand wach.“

„Es ist verdammt schwer, sich selbst im Leben treu zu bleiben“, weiß John denn auch aus eigener Erfahrung. Lebenserfahrung sei das, was zählt und so begründet der willensstarke Brite mit unerschütterlicher Konsequenz seinen Way of Life: „Es gibt einen einfachen Grund, jeden Morgen aufzustehen: Ich schreibe Songs. Künstler zu sein, egal, welcher Art, ist kein Beruf - es ist eine Berufung. Egal, was du tust. Ob du Autos verkaufst, Fenster putzt, oder was auch immer, in deinem Kopf reifen ständig neue Ideen. Es steckt in dir. Du hast keine andere Wahl. Ich lebe für die Musik und ich genieße es, so wie es ist. Ich weiß, wo ich stehe und ich weiß genau, was ich will. Ich habe eine Stimme, die funktioniert und ich habe mich nie beirren lassen. Ich tue nichts, was ich nicht tun will, aber wenn ich etwas tue, dann gebe ich alles. Ich möchte so ehrlich sein, wie ich kann. Musikalisch, wie auch persönlich. Es zeigt, wer ich bin. Und ich möchte meine musikalische Freiheit behalten. Sollte das irgendwann einmal bedroht sein, würde ich sofort aufhören.“

Vielleicht ist John Waite schwierig, vielleicht ist er auch dickköpfig, und vielleicht ist der Weg, den er gewählt hat, für den einen oder anderen nicht immer nachvollziehbar. Eines aber muss man ihm mit Sicherheit zusprechen: Der Musik mehr Beachtung beizumessen als Ruhm und Reichtum beweist Charakter, den heutzutage leider allzu viele... sogenannte... Musiker vermissen lassen. Das Business ist zu einem Dayfly - Geschäft verkommen, zu einer Einbahnstraße, und die Zahl derer, die durch herausragende Arbeit auffallen und bleiben, sowohl im Geschäft wie auch sich selbst treu - bleiben, ist verschwindend gering.
John Waite ist einer der Wenigen.
Seit mittlerweile 30 Jahren im Geschäft, hat er das - neben seinem hochkarätigen Talent - eben auch diesem Dickkopf zu verdanken. Und seiner bedingungslosen Liebe zur Musik. Mag man es ihm auslegen, wie man will, Tatsache ist nun mal, dass das Musik-Business zu viele Mitstreiter seines Kalibers vermissen lässt. Und meiner Meinung nach fährt er gut damit, einfach weiter seinen Weg zu gehen und keinen Gedanken daran zu verschwenden, was man von ihm halten mag, wo es doch eigentlich um die Musik als Solches gehen sollte. Erkennt man den Grundgedanken dahinter, wird es hoffentlich nie passieren, dass man ihm aus dem Business tritt. Weil er es ganz einfach wert ist, dabei zu bleiben.

Denn John Waite weiß, was er will…

Photo Mark Weiss
Photo Credit www.markweiss.com

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